Sprüth Magers Berlin London

CRAIG KAUFFMAN: WORKS FROM 1962 - 1964 IN DIALOGUE WITH FRANCIS PICABIA AND MARCEL DUCHAMP    Sprüth Magers Berlin   april 30 - june 25 2016

Marcel Duchamp, Craig Kauffman, Francis Picabia
 
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In Sprüth Magers’ erster Ausstellung mit dem Nachlass von Craig Kauffman präsentiert die Galerie eine Auswahl früher Arbeiten auf Papier und aus Kunststoff aus den 1960er Jahren. Die schematisch dargestellten, fragmentierten und abstrahierten weiblichen Formen in diesen Werken stellen eine Vorstufe zu Kauffmans späteren dreidimensionalen Wandarbeiten dar. Nachdem er von 1959 bis 1961 Europa bereist hatte, kehrte Kauffman ins heimische Los Angeles zurück. Von einem persönlichen Interesse an der historischen Avantgarde geleitet nahm er dort die Arbeit an mehreren Serien auf, in denen er an Darstellungsformen des Akts als Maschine anknüpfte, wie sie einige Jahrzehnte zuvor von Marcel Duchamp und Francis Picabia entwickelt worden waren. Ihr geteiltes Interesse an neuen Materialien und einer mechanisch-erotischen Sichtweise der weiblichen Form, inspirierte Kauffman der abstrakten Malerei der 1950er Jahre einen andersartigen Ansatz entgegenzuhalten. Eine in der Ausstellung präsentierte Auswahl von Werken Duchamps und Picabias geht diesem künstlerischen Dialog nach.

In einer Reihe von Collagen und Zeichnungen, die von 1961 bis 1963 datieren, sind lustbetonte und maschinenartige, hängende Formen zu sehen, die von Reproduktionen aus Katalogen für Damenunterwäsche abgeleitet sind. Die Kataloge dienten für Kauffman sowohl als motivische Vorlagen sowie als Untergrund, auf dem er arbeitete. Hieraus entlehnte Formen mündeten in zunehmend abstrakte Kompositionen in denen sich an den Nähten aufgeplatzte Dessous und gefährlich hohe Stöckelschuhe mit Fragmenten der erotisch aufgeladenen weiblichen Figur verbinden. Häufig wirken diese wie technische Komponenten die in Kauffmans Arbeiten zu schematisierten, bionischen Formen werden. Gliedmaßen wie herabhängende Tentakel oder Brustwarzen erinnern an schlaffe Strumpfwaren oder gleichen locker ausgeführten, anatomischen Schemazeichnungen, in denen der menschliche Körper in seine separaten Bestandteile zerlegt wird.

Die Formen durchlaufen unterschiedliche Stadien der Abstraktion die auch in Kauffmans Wandarbeiten aus Kunststoff erkennbar sind. Hierfür experimentierte er mit Acryllack, der auf der Rückseite von transparentem Kunststoff aufgetragen wurde. Durch diese Technik war gewährleistet, dass die Vorderseite glatt und unversehrt blieb und in eine glänzende Fläche für fetischisierte Fragmente der menschlichen Form resultierte. In der Farbauswahl verbinden sich Primärfarben, offenbar unvermischt der Farbdose entnommen, mit unterschiedlichen Abstufungen von Hauttönen. Die Präsentation dieser größeren Formen in kastenartigen Distanzrahmen lässt das Raumlicht durch das intensiv farbige, durchscheinende Plastik dringen, sodass die Objekte zu schweben scheinen und ein Schattenwurf auf dem weißen Hintergrund zu beobachten ist. Kauffmans Arbeitsweise, den Lack aufzusprühen, anstatt ihn mit dem Pinsel aufzutragen, erforderte genaue Planung und Präzision, da die Farbschichten nicht nachträglich überarbeitet werden konnten. 1964 führte er zusätzlich erste Experimente mit dem Vakuumformverfahren durch – einem industriellen Verfahren, das damals noch in den Kinderschuhen steckte und das er einsetzte, um einigen seiner zweidimensionalen Formen mehr Tiefe zu verleihen.

Ein Dialog mit Marcel Duchamp ist in Kauffmans Werk deutlich erkennbar, insbesondere in Hinblick auf dessen Experimente mit Malerei auf transparenten Oberflächen, in denen häufig ebenfalls maschinenartige Formen auftauchen. In Nine Malic Moulds (1914/15), einer kleinformatigen Studie für ein Detail aus The Bride Stripped Bare by her Bachelors, Even (1915-23), präsentieren sich die Junggesellen als Ansammlung bauchiger Maschinenteile, wie ein Satz Zapfen oder sonstiges Zubehör zum Getriebe einer größeren Maschine. Auf ähnlich dramatische Weise stellt Nude Descending A Staircase (1937) einen Körper in Bewegung dar, wobei die mosaikartig zusammengesetzten Flächen an polierte Kolben erinnern. Diese Reproduktionen waren in seiner Boîte-en-valise (1935-41) in Umlauf – einem Koffer, der Miniaturmodelle von 68 Werken des Künstlers enthielt.

Präsentiert in der Form, wie ursprünglich in der von Alfred Stieglitz publizierten Zeitschrift 291 abgedruckt, reduziert Francis Picabias‚ Portrait of a Young American Woman in a State of Nudity (1915) die Tradition des weiblichen Aktes auf ihren Kern, indem es nichts als eine lineare, schematisch dargestellte Zündkerze zeigt. Picabias erotisch aufgeladene Maschinenzeichnungen erinnern sowohl an Schaltpläne als auch an die elektrischen Komponenten, die sie repräsentieren. Ihre Form ist sowohl funktional als auch phallisch und suggeriert zugleich die Konturen eines weiblichen Körpers.

Der Einfluss von Duchamp und Picabia auf Kauffman ist unverkennbar, insbesondere zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn, als er den Übergang von der Figuration zur Abstraktion vollzog. Doch statt diesen Leitbildern streng zu folgen, entwickelte er ein eigenständiges visuelles Vokabular, um die mechano-erotische menschliche Form in unterschiedlichen Medien zu untersuchen.

Craig Kauffman wurde 1932 in Los Angeles geboren und verstarb 2010. Zu seinen wichtigsten Einzelausstellungen zählen unter anderem Präsentationen in der Frank Lloyd Gallery, Santa Monica (2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2008), dem Whitney Museum of American Art, New York (1987), der Pace Gallery, New York (1972, 1970, 1969, 1967), und der Ferus Gallery, Los Angeles (1967, 1965, 1963). Eine vom La Jolla Museum of Contemporary Art in San Diego organisierte Retrospektive tourte von 1981 bis 1982. Kauffman nahm an zahlreichen Gruppenausstellungen teil, unter anderem dem Los Angeles County Museum of Art (2015, 2007, 2000, 1981, 1973), dem Museum of Contemporary Art, Los Angeles (2010, 2004, 1991) und am Centre Pompidou, Paris (2006). Zusätzlich werden Arbeiten von Craig Kauffman in der Gruppenausstellung Beat Generation im Centre Pompidou, Paris (Juni – Oktober) zu sehen sein.

Sprüth Magers präsentiert in Berlin zeitgleich Einzelausstellungen von Thea Djordjadze und Alexandre Singh.

Für weitere Informationen und Presseanfragen kontaktieren Sie bitte Silvia Baltschun (sb@spruethmagers.com).

Ausstellungseröffnung: 29.04.2016, 18 – 21 Uhr
Öffnungszeiten der Galerie: Dienstag – Samstag, 11 – 18 Uhr